Freitag, 7. Juli 2017

Schreibtipp Erzählperspektive: Wer spricht da eigentlich?

Bei meinem heutigen Schreibtipp möchte ich mich mit der Erzählperspektive auseinander setzen.

Erzählperspektive oder auch POV - Point of View - meint kurz gesagt: 
Wer spricht
und was kann dieser Sprecher wissen?

Dabei unterscheidet man zwischen
dem auktorialen, dem personalen und dem neutralen Erzähler.

Beim auktorialen Erzähler handelt es sich um einen allwissenden Betrachter von außen, der auch über Informationen verfügt, von denen die Protagonisten nichts ahnen. Er sieht die Geschehnisse und kennt die Gefühle der Charaktere, kann uns ihr Aussehen beschreiben, urteilt sogar über ihre Schritte - ist aber nicht Bestandteil der Geschichte und das ist wohl der wichtigste Punkt.
Er wendet sich häufig schon zu Beginn direkt an die Leser in Form von "Es war einmal ..." oder "Ich will euch heute die Geschichte des kleinen Ludwigs erzählen, der trotz seiner geringen Körpergröße Großes auf die Beine gestellt hat ..." . Auch im Fortlauf der Geschichte spricht der auktoriale Erzähler den Leser immer wieder an, weist auf Konflikte und Besonderheiten oder Dinge zum Nachdenken hin, führt sie mit Fragen und Andeutungen möglicherweise sogar in die Irre. Er ist wie jemand, der neben uns sitzt und uns diese Geschichte erzählt, die er in allen Details kennt, und immer wieder seinen Senf dazu abgibt. Ein Freund, ein Verbündeter auf der Reise durch das Abenteuer. 
Er ist NICHT Teil der Geschichte und auch nicht der Buchautor! 

Beispiel: "Die meisten der knapp 150 Trauergäste wurden von Mitleid erfasst, als sie seine Tränen sahen. Hätten sie gewusst, was ihm noch bevorstand, wäre ihr Mitleid noch größer gewesen. Doch zum Glück wussten sie es nicht, und so kondolierten sie schweigend an ihm vorbei, und er musste widerwillig viel zu viele Hände schütteln." (gefunden auf: https://www.lehrerfreund.de/schule/1s/erzaehlperspektiven-beispiele/4608)

Man erkennt ganz klar: da berichtet ein Außenstehender, der genau weiß, was dem Trauernden noch bevorsteht, und dazu seine Meinung sagt.
Quelle: pixabay
Kennzeichnend für diese Erzählweise ist also, dass der Erzähler die Geschichte von AUßEN betrachtet und eher einen belehrenden Charakter hat. Er weiß über alles Bescheid, kann alles erklären und tut es auch. Wohingegen ein personaler Erzähler nach Erkenntnis sucht und auch den Ausgang der Geschichte und die damit verbundenen Lehren nicht kennt.
Ein sprunghafter Wechsel zwischen den einzelnen Figuren eines Romans macht also noch lange keinen auktorialen (allwissenden) Erzähler aus! Sondern wird in einem Lektorat eher als Perspektiv-Fehler angestrichen (zu recht).


Der personale Erzähler wird heutzutage am häufigsten gewählt. Hier erzählt eine Figur die Geschichte aus ihrer Sicht. Sie kann nur erzählen, was sie sieht, fühlt und erlebt. Sie weiß weder, was die anderen in dem Moment tun (außer sie sieht es), noch, was in ihnen vorgeht oder was als nächstes geschieht. Darüber kann sie höchstens spekulieren.
Diese Perspektive beinhaltet sowohl die Ich-Perspektive als auch die der Dritten Person (er/sie).

Beispiel: In ihm war nichts als dumpfe Trauer. Nur schemenhaft nahm er die Trauergäste durch seinen Tränenschleier wahr. Wie viele waren gekommen? Zwanzig? Hundert? Es war ihm egal. Die schwarze Menge wogte an ihm vorbei, er schüttelte Hände und hoffte, dass man ihn bald alleine lassen würde. (gefunden auf: https://www.lehrerfreund.de/schule/1s/erzaehlperspektiven-beispiele/4608)

Oder in der Ich-Perspektive: In mir war nichts als Trauer. Nur schemenhaft nahm ich die Trauergäste durch den Tränenschleier wahr. Wie viele waren gekommen? Zwanzig? Hundert? Es war mir egal. Die schwarze Menge wogte an mir vorbei, ich schüttelte Hände und hoffte, dass man mich bald allein lassen würde.

In meiner Nachtahn-Reihe habe ich diese Perspektive auf mehrere Art genutzt.
Dorian, der Vampir, erzählt die Geschichte aus seiner Sicht in der Ich-Perspektive. Und Louisa, die junge von Angstzuständen geplagte Frau, ebenfalls. Wir tauchen also abwechselnd in voneinander getrennten Abschnitten/Kapiteln sowohl in Dorians als auch in Louisas Seelenleben ein. Eine weitere Perspektive beleuchtet die Taten und Gefühle der Gegenspieler in der Dritten Person. 
Wichtig hierbei: alle Perspektiven sind voneinander getrennt und finden nicht gleichzeitig in einem Absatz statt! Es erfolgt also erst ein Kapitel aus der Sicht Dorians, das nächste ist dann aus der Sicht der Gegenspieler geschrieben und im darauffolgenden Kapitel erzählt Louisa von ihren Erlebnissen.

Zusammenfassend kann man zu dieser Perspektive sagen: Wir erfahren viel über das Seelenleben des Erzählers, können uns in ihn hineinversetzen, leiden und freuen uns mit ihm. Als Leser sind wir nah am Geschehen, haben das Gefühl, mittendrin zu sein. Der Erzähler weiß nicht, wie sein Abenteuer ausgeht, er sucht, wie oben schon erwähnt, nach Erkenntnis.

Bei der neutralen Erzählform wird die Geschichte sachlich und neutral erzählt. Es gibt keinen lenkenden und kommentierenden Erzähler wie in der auktorialen Erzählweise und auch das Seelenleben der Charaktere bleibt uns verborgen.
Diese Erzählform ist in der heutigen Literatur eher unbedeutend.

Beispiel: Auf dem Friedhof waren etwa 150 Personen versammelt, die meisten davon schwarz gekleidet. Langsam bewegte sich die Schlange an Robert vorbei. Während die Leute ihm die Hand schüttelten, liefen ihm die Tränen über die Wangen. (gefunden auf: https://www.lehrerfreund.de/schule/1s/erzaehlperspektiven-beispiele/4608)

Insgesamt ist diese Erzählweise also eher nüchtern, wenig gefühlsbezogen und eignet sich vielleicht am besten für Biographien, nicht so sehr für belletristische Werke.

Beim Überarbeiten seiner Manuskripte sollte jeder Autor unbedingt auf (unbeabsichtigte) Perspektivwechsel achten. Auch wenn es viele Leser nicht zu stören scheint, gehört die Wahl der Perspektive und das Beibehalten ebenjener zum Handwerk Schreiben dazu. Wenn man das Geschehen aus der Sicht aller Beteiligten schildern möchte, kann man das natürlich gern tun. Aber nicht innerhalb eines Absatzes zwischen mehreren Seelenleben hin- und herhoppen. Natürlich gibt es solche Bücher, aber nicht jeder Autor beherrscht diese Kunst, deshalb würde ich empfehlen, dafür einzelne Abschnitte/Kapitel anzulegen - anstatt zu riskieren, dass die Leser das Buch weglegen, weil sie sich durch die vielen Perspektivwechsel eher überfordert als geschickt unterhalten fühlen.
Auch da bleibt zu überlegen, ob es die Geschichte nicht künstlich aufbauschen würde, noch eine Perspektive einzufügen und noch eine und noch eine .. Oder ob eine einzige - personale - Schilderung der Ereignisse nicht doch ausreicht. 

Auch auf versteckte Wechsel in der Perspektive sollte man als Autor achten.
Beispiele:
Sie wurde rot.
Ich wurde blass.

In der personalen Erzählweise kann sie (oder ich) das nicht wissen, außer sie (ich) sieht gerade in einen Spiegel.

Beim Schreiben oder spätestens während einer der Überarbeitungsdurchgänge kann sich Autor die oben gestellte Frage ins Gedächtnis rufen, sobald Unsicherheiten auftreten
Wer spricht und was kann dieser Sprecher sehen/wissen/fühlen?

Schöne weiterführende Artikel dazu:
https://autorwerden.net/die-wahl-der-erzaehlperspektive/
http://www.belletristik-schreiben.de/belletristik-schreiben/erzaehlperspektiven.php
http://wortwuchs.net/erzaehlperspektive/
https://schreibberatung.wordpress.com/2012/06/09/die-auktoriale-oder-personale-erzahlperspektive/

Habt ihr Fragen oder Anmerkungen? Dann hinterlasst mir gern einen Kommentar. Ich freu mich.

Kommentare:

  1. Hallo Sandra,
    zu ergänzen wäre vielleicht noch die Technik des Inneren Monologs, die sicher nur selten zu finden ist, da eher anstrengend zu lesen und auch zu schreiben.... Hier ein passender Buchtipp dazu: https://www.facebook.com/gretepreller/ Das Buch "Angstbremse" von Grete Preller ist durchgängig im Inneren Monolog verfasst. Zum Glück ist es kurz und liest sich schnell.
    Schönen Gruß von Sabine

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  2. Hallo Sandra,
    sehr schön und hilfreich zusammengefasst. Deinen Beitrag finde ich sinnvoll!

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