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Leseprobe aus "Die Seelenspringerin - Maskerade"

Leseprobe aus "Die Seelenspringerin - Maskerade"


Kapitel 1
Tess drehte sich vor dem Spiegel hin und her. Wie die meisten Frauen war sie mit ihrer Figur alles andere als zufrieden. Ihre Oberweite erschien ihr zu groß, die Beine vom täglichen Joggen zu kräf­tig, außerdem war sie insgesamt zu klein. Dennoch standen ihr die enge Jeans und der rote Pullover besser, als sie gedacht hätte.
Noch einmal betrachtete sie ihre Kehrseite und sah sich dann in das längliche Gesicht mit den leicht schräg stehenden Augen. Ihre halblangen blonden Haare wirkten in dem Licht der Kabine kraftlos und unattraktiv. Sie staunte darüber, dass es den Kaufhausketten trotz aller marketingtech­nischer Finessen beim Platzieren der Kleiderständer und Sonderpreis­tische nicht gelang, in den ohnehin viel zu engen Umklei­dekabinen vor­teil­haf­teres Licht anzubringen. Sie fühlte sich von dem grellen Spot bloß­gestellt. Jede Hautunreinheit sprang ihr durch die blank polierten Spiegel ent­gegen. Man sagte ja immer, im Fernsehen sähe man zwanzig Pfund schwerer aus. Das traf unbestreitbar auch auf den Spiegel in dieser Ka­bine zu. Ein Wunder, dass überhaupt jemand etwas von dem kaufte, was hier anprobiert wurde.
Gabbi streckte ihren dunklen Lockenkopf herein. »Und? Wie sieht es aus?« Ehe Tess etwas erwidern konnte, kam sie ganz in die Kabine, zog den Vorhang hinter sich zu und musterte ihr Werk. »Das steht dir super!«
»Ich weiß nicht«, maulte Tess. »Der Ausschnitt ist mir eigentlich zu tief.«
»Unsinn. Ich finde, das sieht klasse aus«, erwiderte Gabbi und zog den Pulli so, dass der Ausschnitt zurück über Tess’ Schulter glitt. »Du könntest ruhig etwas mehr Haut zeigen. Das ist sexy. Und mal ganz ehrlich, warum betonst du deine Oberweite nicht? Ich glaube, viele Frauen benei­den dich darum.«
Gabbi zwinkerte ihr zu. Tess verdrehte die Augen. Seit ihre Freundin diesen Mode-Blog hatte, musste sie immer öfter als offenkundig unbe­lehrbares Opfer und Versuchskaninchen herhalten. Dabei war Tess im Grunde selbst schuld, denn sie hatte Gabbi erst auf die Idee ge­bracht, mehr aus ihrer Leidenschaft für Mode und neue Trends zu machen. Sie hätte wis­sen müssen, dass ihre Freundin genau das zum Anlass nehmen würde, um Tess’ Garderobe einer intensiven Prü­fung zu unterziehen. Wie er­wartet, schnitt der Inhalt ihres Kleiderschrankes nicht sonderlich gut ab und Gabbi schleifte sie von einer Boutique zur nächsten, um ihn wieder »auf Vordermann« zu bringen.
»Dein Rüschenlook ist seit Jahrzehnten out«, sagte sie, als hätte sie Tess’ Gedanken ge­lesen.
»Ich mag Rüschen«, erwiderte Tess und zog den Ausschnitt wieder über die Schulter. »Außerdem wird mir so kalt am Hals.«
Gabbi verdrehte die Augen. »Du bist echt ein schwieriger Fall. Aber ich finde es schön, dass wir jetzt öfter was zusammen machen.« Sie lächelte Tess aufrichtig an. Dann blitzten ihre Augen schelmisch. »Und ich werde nicht aufgeben.« Sie lachte und Tess stimmte mit ein.
»Hast du denn für dich nichts gefunden?«
»Oh, doch«, erwiderte Gabbi und öffnete die Papiertragetasche, die Tess gar nicht bemerkt hatte.
Sie meinte, rote Spitzenunterwäsche darin zu erkennen. »Aha, aha. Gibt es da etwas, was du mir erzählen möchtest?«
Gabbi winkte ab. »Nein, noch immer Funkstille in diesem Bereich. Aber es ist gut, auf alles vorbereitet zu sein. Apropos vorbereitet sein. Ich glaube, ich habe da noch etwas ge­sehen, was dir auch gut stehen würde.« Sie grinste, schob den Vorhang leicht beiseite und schlüpfte aus der Kabi­ne. Ehe Tess sie zurückhalten konnte, ver­schwand sie mit einem be­sorgniserregenden Lächeln im Gesicht.
Eigentlich freute sich Tess ebenfalls über die gemeinsamen Unter­nehmungen. Sie waren schon als Kinder befreundet gewesen, doch hatte Tess nie ehrliches Interesse an ihrer Freundin gezeigt, wie sie sich vor ei­niger Zeit beschämt hatte eingestehen müssen. Gabbi wusste nichts da­von, was sich hinter ihrer zurückgezogenen und introvertier­ten Art ver­barg. Sie ahnte nicht, dass sich Tess vor langer Zeit für die andere Seite entschieden hatte. Die Seite der Monster, zu der sich Tess schon immer hinge­zo­gen gefühlt hatte.
Die Andersartigen oder auch Mitbürger mit andersartigem Ab­stam­mungshintergrund – immerhin musste alles einen Namen haben – lebten seit einigen Jahren offen unter den Men­schen. Die wenig­sten Leute drangen jedoch so tief in ihre Gedanken und gehei­men Gelüste ein wie Tess. Auch von der Fähig­keit, in die Seelen der Monster zu sprin­gen, ahnte Gabbi nichts. Tess wollte sie nicht mit dem Grauen kon­fron­tieren, das sich hinter der aufregenden und schönen Fassade vieler Überna­tür­licher verbarg. Sie selbst hatte lange Jahre die Augen vor all dem ver­schlossen, konnte es aber nicht mehr. Sie war Teil dieser Monsterseite und es hatte keinen Sinn, sich dagegen zu weh­ren.
Gegen Gabbis wohlgemeinte Einkleidungsversuche konnte sie sich aller­dings zur Wehr setzen. Ehe ihre Freundin zurück war, zog Tess Pullover und Jeans aus und ihre alten Sachen an. Mit einer ge­wis­sen Genugtuung betrachtete sie sich daraufhin im Spiegel. Die knie­hohen Stiefel verbargen ihre gefestigten Waden sehr gut, lediglich der karierte Minirock war kür­zer, als sie für gewöhnlich bevorzugte – ganz so frucht­los waren Gabbis Ratschläge dann doch nicht geblieben. Über die rosa Bluse mit dem ge­smokten Ausschnitt zog sie eine wollene Strickjacke und band sich schnell den Schal um den Hals, als auch schon der Vorhang zur Seite angehoben wurde.
»Oh Mann, du hast dich schon umgezogen? Ich hab hier noch ein wun­der­volles Kleid für dich. Du solltest öfter kräftige Farben tragen, nicht dieses Oma-Rosa oder Braun. Rot, Tess. Rot und Blau. Beide Far­ben passen wunderbar zu deinen blauen Augen.«
Tess warf einen Blick auf das rote Cocktailkleid, das Gabbi ihr hin­hielt, und seufzte. Es war zu kurz, zu eng, viel zu tief ausge­schnit­ten – und sie hatte keine Idee, wann sie so etwas anziehen sollte.
»Bitte sei mir nicht böse, Gabbi. Aber ich hab genug für heute.« Tess nahm ihre Jacke vom Haken und griff nach der Umhängetasche. »Wie wäre es, wenn wir uns nächste Woche auf einen Latte macchiato treffen?«
Gabbi ließ das Kleid sinken und machte ein geknicktes Gesicht. »Schade. Mir tun aller­dings auch schon die Füße weh. Nächste Woche dann. Aber nur, wenn wir in dieses neue Café gehen. Ich hatte sowie­so vor, darüber eine Bewertung für meinen Blog zu schreiben.«
»Einverstanden«, erwiderte Tess, obwohl sie wenig Lust verspürte, in einem dieser hippen neuen Läden mit überteuerten Mode-Geträn­ken für Veganer und andere Gesundheitsfanatiker gegen viel zu laute Musik an­zubrüllen.
Gabbi strahlte sie an, drehte sich um und brachte das Kleid zu­rück zu einem der wirkungsvoll platzierten Sonderpreisständer. Einen kurzen Mo­ment überlegte Tess, ob sie das Kleid nicht doch anpro­bieren sollte. Wie­der einmal stand ihr ein Treffen mit Octa­vian bevor, dem Vampirgebieter der Stadt. Sicherlich würde ihm so ein Kleid gefallen.
Überrascht runzelte Tess die Stirn. Warum nur dachte sie darü­ber nach, dem Vampirgebieter zu imponieren? Er hatte ihr bereits einige Ge­fallen erwiesen und benahm sich ihr gegenüber zwar aus­nahms­los wie ein Gentleman. Dennoch tat er nichts aus Nächstenliebe oder Güte. Stets ver­langte er eine Gegenleistung, die er auch kompro­misslos einforderte.
Die beiden Frauen verabschiedeten sich. Tess atmete erleichtert aus, als Gabbi mit der Rolltreppe nach unten verschwand. Glücklicher­eise hatte sie nicht wieder versucht, Tess mit irgendwem zu verab­re­den, der Gabbis Meinung nach zu ihr passen würde. Was ihr soziales Leben – sprich: ihr Liebesleben – betraf, konnte Gabbi verdammt hart­näckig sein. Tess hatte jedoch wenig Lust, ausgerechnet das vor ihr auszubreiten, denn da lief noch weniger als bei ihrer Freundin.
Sie machte einen Abstecher zur Toilette, bevor sie mit dem Bus zu ihrem Haus am Stadtrand fahren würde.
Unaufdringliche Kaufhausmusik plätscherte ihr entgegen, als sie das hellbraun geflieste Kunden-WC betrat. Sie hatte Glück. Es waren zwar alle acht Kabinen belegt, doch war sie die einzige Wartende. Nach wenigen Atemzügen öffnete sich die hintere Tür und eine dunkelhäutige Frau kam ihr daraus mit einem freundlichen Lächeln entgegen. Tess erwiderte das Lächeln, machte ihr in dem engen Zu­gang Platz und ging auf die frei gewordene Toilette zu. Sie hatte gera­de die Tür geschlossen und ver­rie­gelt, als die Musik erstarb und es schlagartig dunkel wurde. Der Geruch nach Reinigungsmitteln und Urin wich einem aufdringlichen, künstlichen Vanillearoma, wie man es von Duft­bäumen oder Raumspray kannte. Es wurde kalt.
Tess hatte nie herausfinden können, was ihre Seelensprünge aus­löste. Das lag vor allem daran, dass die meisten Ärzte und Psychiater ihr nicht einmal glaubten. Für gewöhnlich erwischte es sie in einem Moment der Unachtsamkeit oder wenn sie ihre Gedanken schweifen ließ. Ein paarmal war es beim Sex passiert, aber das war die Aus­nahme und hatte an ihrem damaligen Partner gelegen. Es war das erste Mal, dass sich ein Sprung mit einem Duft ankündigte.
Tess blinzelte und brauchte einen Moment, ehe sie scharf sehen konnte und begriff, dass sie gesprungen war. Ihr Leib erbebte unter einem nie da gewesenen Genuss. Sie schloss die Augen und spürte dem Gefühl nach. Wollte es festhalten, noch tiefer in sich aufnehmen und voll aus­kosten. Die fremden Hände kribbelten. Jede Faser dieses Körpers lechzte nach die­sem Wohlgefühl, saugte es ein, bis sich auch das letzte Här­chen unter einem wohligen Schauer aufstellte. Sie be­kam ein flaues, aber wunder­vol­les Gefühl in der Magengegend und zwischen ihren Beinen schwoll es an, bis sie meinte, explodieren zu müssen vor Entzücken.
Was auch immer dieses Gefühl in ihr auslöste, sie wollte mehr da­von, viel mehr. Sie brauchte es so dringend wie die Luft zum At­men. Sie griff danach, hielt es fester und erschauerte unter einer weiteren Flut genuss­voller Erfüllung. Immer mehr nahm sie, sog es in sich hinein und wusste, es würde nicht genug sein. Es konnte nie ge­nug sein. Welch ein Hoch­genuss!
Der fremde Körper spannte sich an und ergoss sich in einem befrei­enden Pumpen, unter dem er rhythmisch zusammenzuckte. Tess stöhnte und leckte sich über die Lippen. So süß! So unendlich kostbar. Der Körper kribbelte in wohliger Erfüllung. Eine tiefe Zu­friedenheit überkam sie zusammen mit einer erfüllten Mattigkeit.
Tess schlug die Augen auf. Und erschrak.
Jegliches Hochgefühl wich augenblicklich blankem Entsetzen. Sie schrie, ehe sie sich zur Ruhe rufen konnte. Sie durfte nicht dagegen an­kämpfen, denn dann würde sie sofort in ihren eigenen Körper zu­rück katapultiert. Tess schloss die fremden Augen wieder, atmete ein paar­mal tief durch. Als sie sich beruhigt hatte, sah sie sich um.
Sie saßen in einem Auto, einem Toyota, wie sie am Symbol in der Lenkradmitte erkennen konnte. Ein gelber Duftbaum hing am Rück­spie­gel und verströmte das penetrante Vanillearoma. Ihr Wirt war männlich, nicht viel größer als sie, schlank und mit gepflegten Händen. Er trug einen grau­en Kaschmirpulli, der sich wie eine zweite Haut an seinen wohlgeformten Körper schmiegte. Darunter war er nackt. Auch unter den Jeans trug er nichts und der eben verspritzte Samen lief den Oberschenkel hin­unter und kitzelte.
Sie klappte die Sonnenblende he­runter, um einen Blick in sein Gesicht werfen zu können, doch der Spiegel fehlte. Kurzerhand bog sich Tess den Rückspiegel zurecht, konnte aber nicht viel mehr als die obere Gesichts­hälfte erkennen. Der Mann hatte dunkle, sanfte Augen, die einen seligen Glanz aufwiesen. Seine Augenbrauen waren ebenfalls dun­kel und für einen Mann sehr fein, als würde er sie zupfen.
Sie hob das eckige Kinn etwas an, es war bartlos, wies aber einen leichten Schatten auf, als ver­fügte er über einen ausgeprägten Bartwuchs und die letzte Rasur war schon einige Zeit her. Es war zu dunkel, um mehr zu erkennen, deshalb drehte sie sich der Frau zu, ehe ihr die Zeit davon­lief.
Sie war blond und hübsch und trug einen engen Rock, der ihr be­denk­lich hochgerutscht war. Die obersten Knöpfe der Bluse standen offen. Tess konnte die Spitze ihres BHs sehen und dass er eine Nummer zu klein sein musste. Zumindest verbarg er ihre Brüste nur unzu­reichend. Die Frau hatte die rot geschminkten Lippen wie zum Kuss geschürzt. Ihre Hände waren frisch manikürt und lackiert und lagen locker auf den Oberschenkeln, als warteten sie darauf, dass ihr Begleiter sie ergriff. Sie wirkte entspannt und rührte sich nicht einmal, als Tess sie sachte am Arm berührte.
Etwas stimmte hier nicht.
Als Tess erkannte, was es war, schrie sie erneut und geriet in Panik.


Tess lag auf dem kalten Boden der Toilettenkabine. Ihr Körper war kraft­los zusammengebrochen, nachdem sie ihn verlassen hatte, doch glück­li­cherweise hatte sie sich nicht verletzt. Die Kabine war so eng, dass sie le­dig­lich an der Wand heruntergerutscht war. Der seitlich an­gebrachte Papierspender hatte ihren Sturz schließlich gebremst. Sie rieb sich die Wange, zog schnell die Füße ein, damit sie niemand ent­deckte, und horchte in den Raum hinein. Bis auf die Musik war alles ruhig. Es schie­nen sich keine anderen Kundinnen im Waschraum auf­zuhalten, die ihren Schrei gehört haben konnten. Erleichtert atmete Tess auf.
Normalerweise sprach sie ihre Beobachtungen während der Sprünge leise aus und ihr Körper tat in dem Moment das Gleiche. Ge­nau deshalb hatte man sie von Anfang an für verrückt gehalten. Ihre Eltern und Lehrer hatten sogar vermutet, sie wolle damit Auf­merk­samkeit erregen. Das hätte sie in diesem Fall unter Garantie. Nur gut, dass sie niemand gehört hatte.
Noch immer fühlte sich Tess benommen und fremd in ihrem ei­genen Körper. Sie sah zwar, dass ihre Hände zitterten, spürte es jedoch nur un­deutlich. Als läge ein Schleier zwischen ihr und ihren Empfin­dungen.
Mühsam zerrte sie ihre Umhängetasche unter sich hervor und kramte darin nach dem Handy. Sie brauchte mehrere Anläufe, bis sie Jims Num­mer herausgesucht hatte, die glücklicherweise einge­spei­chert war.
Bereits nach dem zweiten Klingeln meldete sich ihr Polizistenfreund.
»Tess, ist etwas passiert?« Seine Stimme klang alarmiert.
Jim Thompson war Leiter und bislang einziger Mitarbeiter der Son­dereinheit der Polizei, die sich ausschließlich mit Verbrechen beschäftigte, in denen Übernatürliche verwickelt waren. Er hatte in Lon­don die Spe­zialausbildung zum Umgang mit den Monstern ab­sol­viert und war nach seiner Scheidung zurück in seine Heimatstadt gekom­men. Das Schicksal hatte auch ihm seine böse Fratze gezeigt, denn seine Frau hatte sich zum Vampir wandeln lassen und lebte nun mit ihrem Vampirfreund zusam­men.
Er kannte die Monsterseite und wusste über Tess’ Sprünge Be­scheid – und auch, was sie dabei zu sehen bekam. Er war damals der erste Polizist gewesen, der ihren Geschichten Glauben geschenkt hatte. Gemeinsam mit ihm hatte Tess in der Vergangenheit einige Kriminalfälle lösen kön­nen, derer sie unbeabsichtigt während ihrer Sprünge Zeugin geworden war. Jim war zu einem Freund geworden. Tess vertraute ihm.
»Ich hätte nicht angerufen, wenn es nicht dringend wäre, aber könntest du mich abholen kommen? Gail muss im Moment so viel arbeiten und ich wusste nicht, wen ich sonst hätte anrufen sollen.« Trotz allem be­schämte sie ihre Situation. Bereits als Jugendliche hatte sie begonnen, in die Seelen übernatürlicher Wesen zu springen, doch dieser Sprung war anders gewesen. Intensiver.
»Was ist passiert?«
»Ich bin gesprungen und spüre meinen Körper kaum.«
»Ich mach mich sofort auf den Weg. Wo bist du?«
Tess nannte ihm die Adresse und legte auf.

Es dauerte eine Weile, in der sie fröstelnd am Boden saß, bis sie Jims Stimme vernahm. Gelegentlich waren Frauen hereingekommen. Glück­li­cherweise hatte niemand bemerkt, dass ihre Tür die gan­ze Zeit ver­schlossen blieb, und sie hatte sich so ruhig wie möglich ver­halten.
»Tess?« Energische Schritte erklangen.
»Also hören Sie mal! Sie können doch nicht einfach ...«, beschwerte sich eine Kundin.
»Polizei. Madame, würden Sie bitte den Waschraum verlassen?«
Eine Tür wurde geöffnet, schnelle Schritte entfernten sich. Manchmal waren eine Polizeimarke und forsches Auftreten ein Segen.
»Tess? Wo bist du?«
»Ich bin hier hinten. Die letzte Kabine auf der rechten Seite.«
Einen Moment später klopfte es an der Tür. Tess entriegelte sie und rutschte zur Seite, da sie sich nach innen öffnete. Vorsichtig drückte Jim sie auf. Sein Gesicht war ernst, die sonst so strahlend blauen Augen fragend zusammengekniffen. Er trug feste Stiefel, eine blaue Jeanshose und einen dunklen Wollpulli. Die gefütterte, ebenfalls blaue Jacke hatte er sich offensichtlich in großer Hast übergeworfen, denn der Kragen war an einer Seite nach innen geklappt. Er ging vor ihr in die Knie und musterte sie prüfend. »Was ist passiert? Hast du dich verletzt?«
Tess schüttelte den Kopf. Sie rieb sich fröstelnd über die Ober­arme. Es fühlte sich noch immer dumpf und unwirklich an. »Ich kann meinen Körper nicht fühlen.«
Jim befühlte ihre Wange und nahm dann ihre Hände. »Du bist ja eis­kalt. Komm, ich bring dich hier weg.« Er griff ihr unter die Arme und half ihr beim Aufstehen. Die Beine sackten unter Tess weg, kaum dass er sie losgelassen hatte. »So wird das nichts. Kannst du deinen Arm um meine Schultern le­gen? Ich werde dich tragen.«
Es kostete sie große Mühe, doch kaum lag der Arm an Ort und Stelle, hob Jim sie hoch und trug sie mit großen Schritten an den über­wiegend geöffneten Toilettenkabinen vorbei. Sie hatten noch nicht den Ausgang erreicht, als die Tür von außen geöffnet wurde. Eine kräftig gebaute Kun­din mit rotem Gesicht stieß einen spitzen Schrei aus.
»Würden Sie uns bitte die Tür aufhalten?«, rief Jim. »Meine Verlobte braucht frische Luft.«
Erschrocken sprang die Frau beiseite und ließ sie durch, nicht ohne Tess einen neugierigen Blick zuzuwerfen. Zielsicher fand Jim das Trep­penhaus und brachte sie ein Stockwerk tiefer. Die Luft wurde kühler. Von dem geschäftigen Treiben im restlichen Kaufhaus war bald nichts mehr zu hören und Tess entspannte sich. Sie war ohnehin nicht gern unter vie­len Menschen.
Auch wenn Jim gut in Form war, bemerkte sie, wie seine Muskeln an­fingen, zu zittern, als er ein weiteres Stockwerk nach unten lief.
»Ich glaube, es geht schon wieder.«
Jim blieb stehen und ließ sie vorsichtig herunter, bis sie auf der Trep­pe saß.
»Ich sollte unbedingt mal wieder Sport treiben.« Er wischte sich über die Stirn, ging dann vor ihr in die Hocke und sah sie aufmerk­sam an. Tess hielt sich am Geländer fest, dennoch konnte sie sich kaum aufrecht hal­ten. Ihre Beine zitterten, auch wenn sie es mehr sah, als dass sie es spürte.
»Was ist passiert? Normalerweise brauchst du nach einem Sprung zwar ein bisschen, bis du wieder da bist, aber so etwas habe ich noch nicht er­lebt. Seit wann ist das so?«
Automatisch fasste er an seine Gesäßtasche und holte das kleine schwarze Notizbuch heraus, das Tess bereits so gut kannte.
»Es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, nicht richtig an­ge­kom­men zu sein.« Tess schloss für einen Moment die Augen und versuchte, die fremden Empfindungen zurückzudrängen, die sie noch immer fest in ihrem Bann hielten.
Sie hatte immer geglaubt, das Schlimmste an ihrer Gabe waren die Dinge, die sie zu sehen bekam. Doch das Nachbeben der fremden Emotionen setzte ihr weit mehr zu. Jedes Mal hatte sie das Ge­fühl, den Bezug zu sich selbst zu verlieren.
»Erzähl mir, was du gesehen hast.«
Langsam schilderte sie das Erlebte und rief sich jedes Detail in Erin­nerung. Wie es seine Art war, hörte Jim aufmerksam zu und machte sich Notizen. Nur gelegentlich unterbrach er sie, damit Tess eine Beobachtung genauer ausführte. Allerdings waren sie mittlerweile ein gut eingespieltes Team und Tess wusste, worauf es ankam.
»Die Frau hat wahrscheinlich auf einen Kuss von ihm gehofft. Doch stattdessen hat er ihr mit seinen Händen das Leben ausgesaugt«, erzählte sie und schüttelte sich unbewusst. »Er hat sie förmlich getrunken. Ihr die Lebensenergie entzogen. Für ihn war es der höchste Genuss, den du dir vorstellen kannst. Jim, ich spüre es noch immer. Es war ... unbeschreib­lich. Ekstatisch. Über die Maßen erfüllend. Kaum war sie tot, lechzte er nach mehr. Viel mehr. Es war, als würde er nur während dieses Akts richtig leben und ansonsten in Dunkelheit schweben. Hungrig und gierig nach Lebendigkeit.«
Jim sah sie einen Moment ernst an. Dann nickte er langsam. Tess kannte diesen Blick. Der Polizist in ihm versuchte bereits, alles zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen und ein mögliches Täter­profil zu er­stellen. Jim kannte sich besser mit den Monstern aus als die meisten Poli­zisten. Seine Kenntnisse und Tess’ tiefe Einblicke in diese düstere Welt ergänzten sich perfekt.
Er steckte das Notizbuch weg und griff nach ihren Händen.
»Du zitterst ja noch immer.«
Jim zog seine Jacke aus und legte sie Tess um. Dann setzte er sich dicht neben sie und rieb ihr zusätzlich mit beiden Händen über die Ober­arme. Dankbar ließ sie es geschehen. Nach einer Weile drängten seine Fürsorge und Körperwärme das Grauen zurück.
»Er hat das schon viele Male getan, Jim«, flüsterte sie. »Und er wird es wieder tun. Er kann gar nicht anders. Es ist wie ein Zwang.«



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