Leseprobe aus "Die Seelenspringerin - Maskerade"

Leseprobe aus "Die Seelenspringerin - Maskerade"


Kapitel 1

Es dauerte eine Weile, in der sie fröstelnd am Boden saß, bis sie Jims Stimme vernahm. Gelegentlich waren Frauen hereingekommen. Glück­li­cherweise hatte niemand bemerkt, dass ihre Tür die gan­ze Zeit ver­schlossen blieb, und sie hatte sich so ruhig wie möglich ver­halten.
»Tess?« Energische Schritte erklangen.
»Also hören Sie mal! Sie können doch nicht einfach ...«, beschwerte sich eine Kundin.
»Polizei. Madame, würden Sie bitte den Waschraum verlassen?«
Eine Tür wurde geöffnet, schnelle Schritte entfernten sich. Manchmal waren eine Polizeimarke und forsches Auftreten ein Segen.
»Tess? Wo bist du?«
»Ich bin hier hinten. Die letzte Kabine auf der rechten Seite.«
Einen Moment später klopfte es an der Tür. Tess entriegelte sie und rutschte zur Seite, da sie sich nach innen öffnete. Vorsichtig drückte Jim sie auf. Sein Gesicht war ernst, die sonst so strahlend blauen Augen fragend zusammengekniffen. Er trug feste Stiefel, eine blaue Jeanshose und einen dunklen Wollpulli. Die gefütterte, ebenfalls blaue Jacke hatte er sich offensichtlich in großer Hast übergeworfen, denn der Kragen war an einer Seite nach innen geklappt. Er ging vor ihr in die Knie und musterte sie prüfend. »Was ist passiert? Hast du dich verletzt?«
Tess schüttelte den Kopf. Sie rieb sich fröstelnd über die Ober­arme. Es fühlte sich noch immer dumpf und unwirklich an. »Ich kann meinen Körper nicht fühlen.«
Jim befühlte ihre Wange und nahm dann ihre Hände. »Du bist ja eis­kalt. Komm, ich bring dich hier weg.« Er griff ihr unter die Arme und half ihr beim Aufstehen. Die Beine sackten unter Tess weg, kaum dass er sie losgelassen hatte. »So wird das nichts. Kannst du deinen Arm um meine Schultern le­gen? Ich werde dich tragen.«
Es kostete sie große Mühe, doch kaum lag der Arm an Ort und Stelle, hob Jim sie hoch und trug sie mit großen Schritten an den über­wiegend geöffneten Toilettenkabinen vorbei. Sie hatten noch nicht den Ausgang erreicht, als die Tür von außen geöffnet wurde. Eine kräftig gebaute Kun­din mit rotem Gesicht stieß einen spitzen Schrei aus.
»Würden Sie uns bitte die Tür aufhalten?«, rief Jim. »Meine Verlobte braucht frische Luft.«
Erschrocken sprang die Frau beiseite und ließ sie durch, nicht ohne Tess einen neugierigen Blick zuzuwerfen. Zielsicher fand Jim das Trep­penhaus und brachte sie ein Stockwerk tiefer. Die Luft wurde kühler. Von dem geschäftigen Treiben im restlichen Kaufhaus war bald nichts mehr zu hören und Tess entspannte sich. Sie war ohnehin nicht gern unter vie­len Menschen.
Auch wenn Jim gut in Form war, bemerkte sie, wie seine Muskeln an­fingen, zu zittern, als er ein weiteres Stockwerk nach unten lief.
»Ich glaube, es geht schon wieder.«
Jim blieb stehen und ließ sie vorsichtig herunter, bis sie auf der Trep­pe saß.
»Ich sollte unbedingt mal wieder Sport treiben.« Er wischte sich über die Stirn, ging dann vor ihr in die Hocke und sah sie aufmerk­sam an. Tess hielt sich am Geländer fest, dennoch konnte sie sich kaum aufrecht hal­ten. Ihre Beine zitterten, auch wenn sie es mehr sah, als dass sie es spürte.
»Was ist passiert? Normalerweise brauchst du nach einem Sprung zwar ein bisschen, bis du wieder da bist, aber so etwas habe ich noch nicht er­lebt. Seit wann ist das so?«
Automatisch fasste er an seine Gesäßtasche und holte das kleine schwarze Notizbuch heraus, das Tess bereits so gut kannte.
»Es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, nicht richtig an­ge­kom­men zu sein.« Tess schloss für einen Moment die Augen und versuchte, die fremden Empfindungen zurückzudrängen, die sie noch immer fest in ihrem Bann hielten.
Sie hatte immer geglaubt, das Schlimmste an ihrer Gabe waren die Dinge, die sie zu sehen bekam. Doch das Nachbeben der fremden Emotionen setzte ihr weit mehr zu. Jedes Mal hatte sie das Ge­fühl, den Bezug zu sich selbst zu verlieren.
»Erzähl mir, was du gesehen hast.«
Langsam schilderte sie das Erlebte und rief sich jedes Detail in Erin­nerung. Wie es seine Art war, hörte Jim aufmerksam zu und machte sich Notizen. Nur gelegentlich unterbrach er sie, damit Tess eine Beobachtung genauer ausführte. Allerdings waren sie mittlerweile ein gut eingespieltes Team und Tess wusste, worauf es ankam.
»Die Frau hat wahrscheinlich auf einen Kuss von ihm gehofft. Doch stattdessen hat er ihr mit seinen Händen das Leben ausgesaugt«, erzählte sie und schüttelte sich unbewusst. »Er hat sie förmlich getrunken. Ihr die Lebensenergie entzogen. Für ihn war es der höchste Genuss, den du dir vorstellen kannst. Jim, ich spüre es noch immer. Es war ... unbeschreib­lich. Ekstatisch. Über die Maßen erfüllend. Kaum war sie tot, lechzte er nach mehr. Viel mehr. Es war, als würde er nur während dieses Akts richtig leben und ansonsten in Dunkelheit schweben. Hungrig und gierig nach Lebendigkeit.«
Jim sah sie einen Moment ernst an. Dann nickte er langsam. Tess kannte diesen Blick. Der Polizist in ihm versuchte bereits, alles zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen und ein mögliches Täter­profil zu er­stellen. Jim kannte sich besser mit den Monstern aus als die meisten Poli­zisten. Seine Kenntnisse und Tess’ tiefe Einblicke in diese düstere Welt ergänzten sich perfekt.
Er steckte das Notizbuch weg und griff nach ihren Händen.
»Du zitterst ja noch immer.«
Jim zog seine Jacke aus und legte sie Tess um. Dann setzte er sich dicht neben sie und rieb ihr zusätzlich mit beiden Händen über die Ober­arme. Dankbar ließ sie es geschehen. Nach einer Weile drängten seine Fürsorge und Körperwärme das Grauen zurück.
»Er hat das schon viele Male getan, Jim«, flüsterte sie. »Und er wird es wieder tun. Er kann gar nicht anders. Es ist wie ein Zwang.«




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