Freitag, 22. März 2013

Leseprobe

Kleine Leseprobe aus meinem aktuellen Projekt, Arbeitstitel "V-M" (was sich dahinter verbirgt, verrate ich zu gegebener Zeit) 
... „Sind Sie der Polizist, der ihn verhaftet hat?“, fragte ich mit einem Blick über die Schulter und ertappte ihn dabei, wie er mir auf das Hinterteil starrte.

Er nickte und schien ein bisschen rot zu werden, was seinem jungen Gesicht mit der großen Nase und dem Grübchen am Kinn sehr gut stand. Ich unterdrückte ein Schmunzeln und bat ihn stattdessen, mir zu erzählen, was passiert war.

„Ich war gerade auf Streife und bin eher zufällig über ihn gestolpert. Er kauerte noch über dem Leichnam der jungen Frau, und es war offensichtlich, dass er sie umgebracht hat. Überall auf seiner Kleidung war Blut. Er hat nicht einmal versucht, wegzulaufen. Zu Anfang schien er gar nicht zu begreifen, was mit ihm geschah. Erst hier kam er wieder zu sich und verlangte sofort lautstark, jemanden anrufen zu dürfen. Ich glaube nicht, dass Sie ihn hier herausbekommen, Miss Stanton.“

Wir waren unten angekommen, der Gestank nach Schweiß, Urin und sonstigen menschlichen Ausscheidungen schlug mir dick und unangenehm entgegen. Hier wurden nicht nur auf frischer Tat Ertappte in Untersuchungshaft genommen, in den vielen Zellen links und rechts des gelb angestrichenen Flures schliefen auch einige Obdachlose ihren Rausch aus. Ich war schon oft hier gewesen, und jedes Mal entsetzt darüber, dass Menschen derart stinken konnten, ohne sich darum zu kümmern.

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein“, erwiderte ich ausweichend.

Mein Begleiter war stehen geblieben und schien über etwas nachzudenken.

„Haben Sie noch etwas gesehen, Officer McGrady, das Sie mir vielleicht erzählen wollen?“, fragte ich, weil ich nicht nur das Gefühl hatte, dass er mehr erzählen wollte, sondern ahnte, dass er tatsächlich etwas gesehen hatte. Etwas, das er nicht hätte sehen dürfen.

„Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen komisch, aber ich hätte schwören können, er hat von ihrem Blut getrunken. Von dem Opfer. Es sah so aus, als hätte er ihr die Kehle aufgerissen. Mit den Zähnen.“

Ich lachte aufgesetzt und tätschelte ihm dann freundlich den Arm.
„Sie erlauben sich einen Spaß mit mir, Officer McGrady. Ich glaube nicht, dass sie etwas Derartiges beobachtet haben. Und sie doch auch nicht, oder?"
Ein intensiver Blick, und der appetitliche Officer Patrick McGrady zweifelte bereits daran, etwas beobachtet zu haben. Doch das war nicht alles, was er würde vergessen müssen. ... 

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